Story: Wein, WHO und der neue Puritanismus | Tobias Kolumne
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Wein, WHO und die neue Lust an der Enthaltsamkeit
Wein gehört zu den ältesten Kulturgütern der Menschheit. Er hat Jahrtausende überdauert, wurde in Mythen besungen, in Religionen eingebunden und in der Kunst gefeiert. Kaum ein anderes Getränk ist so eng mit der Entwicklung unserer Zivilisation verknüpft. Und nun, im Jahr 2025, sollen wir lernen, dass all das offenbar ein Irrtum war. Ein Zeitgeistgedanke erhebt den Anspruch, mit ein paar Schlagzeilen und einer WHO-Strategie jahrtausendealte Erfahrung zu ersetzen.
Wein als Hauptschuldiger?
Von allen alkoholischen Getränken trifft es in der aktuellen Diskussion ausgerechnet den Wein. Dabei wäre er statistisch betrachtet kaum die erste Adresse, wenn man die globalen Probleme des Alkoholkonsums auflösen wollte. Wein ist teurer, weniger verbreitet und kulturell oft eher in elitären Nischen beheimatet. Die großen Sorgenkinder sind vielmehr billige Spirituosen und hochprozentige Massenware. Doch während dort tatsächlich erhebliche Probleme entstehen, scheint es einfacher, die Symbolkraft des Weins herauszustellen - immerhin klingt es bedeutend, wenn man gleich ein Kulturgut in Frage stellt.
Die Logik des „0“
Die Debatte folgt einer schlichten Gleichung: „Alkohol ist schädlich, also ist Null Alkohol gut.“ Ein Satz, der in seiner Kürze besticht, aber kaum dazu taugt, die Komplexität des Themas zu erfassen. Differenzierte Betrachtungen verschwinden hinter einer simplen Zahl. Dass Wein nicht gleich Schnaps ist, dass Unterschiede in Konsumform, Häufigkeit und sozialem Kontext eine Rolle spielen könnten - all das bleibt ungesagt. Man könnte fast meinen, die Formel sei wichtiger als die Realität.
Freiheit und Verantwortung
Niemand bestreitet, dass Wein kein Gesundheitsprodukt ist. Aber ebenso wenig lässt sich bestreiten, dass Erwachsene die Fähigkeit besitzen sollten, verantwortungsvoll mit Genussmitteln umzugehen. Zwischen Abstinenzbewegung und Dauerexzess gibt es einen weiten Raum - den Raum der Eigenverantwortung. Wer diesen Raum verbauen will, stellt nicht nur den Wein in Frage, sondern auch das Vertrauen in die Mündigkeit des Einzelnen.
Ein Leben ohne Wein - wie trist wäre das?
Und nun stellen wir uns einmal vor, die Menschheit würde tatsächlich konsequent auf Wein verzichten. Keine geselligen Abende bei Kerzenschein, keine kleinen Rituale nach einem langen Arbeitstag, keine Momente, in denen Geschmack und Kultur Hand in Hand gehen. Wir hätten vermutlich eine Welt voller nüchterner, aber vielleicht auch langweiliger Dinner, eine Kultur weniger gewürzter Gespräche und ein bisschen weniger Lachen. Natürlich könnte man argumentieren, dass Gesundheit wichtiger sei - aber irgendwie wirkt die Vorstellung, dass Menschen plötzlich jeglichen Genuss ausmerzen, doch ein wenig apokalyptisch.
Ein kurzer Blick nach vorn
Ob diese Phase des Null-Ideals Bestand haben wird, bleibt abzuwarten. Vielleicht ist sie nur ein Ausdruck unserer Zeit, die sich gern in klaren Schwarz-Weiß-Szenarien bewegt. Doch Wein hat andere Maßstäbe: Er hat Reiche überdauert, Religionen begleitet und Generationen inspiriert. Es ist schwer vorstellbar, dass er nun an einer schlichten Zahl scheitern wird. Vielleicht sollten wir also gelassener bleiben - und uns daran erinnern, dass Kultur nie mit schnellen Schlagworten zu Ende erzählt ist.
Und bis dahin gilt: Verantwortung vor dem Korkenzieher ist immer noch die beste Politik. - Tobias Gerhard Strunz [TS09/25]
Wein gehört zu den ältesten Kulturgütern der Menschheit. Er hat Jahrtausende überdauert, wurde in Mythen besungen, in Religionen eingebunden und in der Kunst gefeiert. Kaum ein anderes Getränk ist so eng mit der Entwicklung unserer Zivilisation verknüpft. Und nun, im Jahr 2025, sollen wir lernen, dass all das offenbar ein Irrtum war. Ein Zeitgeistgedanke erhebt den Anspruch, mit ein paar Schlagzeilen und einer WHO-Strategie jahrtausendealte Erfahrung zu ersetzen.
Wein als Hauptschuldiger?
Von allen alkoholischen Getränken trifft es in der aktuellen Diskussion ausgerechnet den Wein. Dabei wäre er statistisch betrachtet kaum die erste Adresse, wenn man die globalen Probleme des Alkoholkonsums auflösen wollte. Wein ist teurer, weniger verbreitet und kulturell oft eher in elitären Nischen beheimatet. Die großen Sorgenkinder sind vielmehr billige Spirituosen und hochprozentige Massenware. Doch während dort tatsächlich erhebliche Probleme entstehen, scheint es einfacher, die Symbolkraft des Weins herauszustellen - immerhin klingt es bedeutend, wenn man gleich ein Kulturgut in Frage stellt.
Die Logik des „0“
Die Debatte folgt einer schlichten Gleichung: „Alkohol ist schädlich, also ist Null Alkohol gut.“ Ein Satz, der in seiner Kürze besticht, aber kaum dazu taugt, die Komplexität des Themas zu erfassen. Differenzierte Betrachtungen verschwinden hinter einer simplen Zahl. Dass Wein nicht gleich Schnaps ist, dass Unterschiede in Konsumform, Häufigkeit und sozialem Kontext eine Rolle spielen könnten - all das bleibt ungesagt. Man könnte fast meinen, die Formel sei wichtiger als die Realität.
Freiheit und Verantwortung
Niemand bestreitet, dass Wein kein Gesundheitsprodukt ist. Aber ebenso wenig lässt sich bestreiten, dass Erwachsene die Fähigkeit besitzen sollten, verantwortungsvoll mit Genussmitteln umzugehen. Zwischen Abstinenzbewegung und Dauerexzess gibt es einen weiten Raum - den Raum der Eigenverantwortung. Wer diesen Raum verbauen will, stellt nicht nur den Wein in Frage, sondern auch das Vertrauen in die Mündigkeit des Einzelnen.
Ein Leben ohne Wein - wie trist wäre das?
Und nun stellen wir uns einmal vor, die Menschheit würde tatsächlich konsequent auf Wein verzichten. Keine geselligen Abende bei Kerzenschein, keine kleinen Rituale nach einem langen Arbeitstag, keine Momente, in denen Geschmack und Kultur Hand in Hand gehen. Wir hätten vermutlich eine Welt voller nüchterner, aber vielleicht auch langweiliger Dinner, eine Kultur weniger gewürzter Gespräche und ein bisschen weniger Lachen. Natürlich könnte man argumentieren, dass Gesundheit wichtiger sei - aber irgendwie wirkt die Vorstellung, dass Menschen plötzlich jeglichen Genuss ausmerzen, doch ein wenig apokalyptisch.
Ein kurzer Blick nach vorn
Ob diese Phase des Null-Ideals Bestand haben wird, bleibt abzuwarten. Vielleicht ist sie nur ein Ausdruck unserer Zeit, die sich gern in klaren Schwarz-Weiß-Szenarien bewegt. Doch Wein hat andere Maßstäbe: Er hat Reiche überdauert, Religionen begleitet und Generationen inspiriert. Es ist schwer vorstellbar, dass er nun an einer schlichten Zahl scheitern wird. Vielleicht sollten wir also gelassener bleiben - und uns daran erinnern, dass Kultur nie mit schnellen Schlagworten zu Ende erzählt ist.
Und bis dahin gilt: Verantwortung vor dem Korkenzieher ist immer noch die beste Politik. - Tobias Gerhard Strunz [TS09/25]
© www.gerardo.de| Name | Wein, WHO Und Der Neue Puritanismus | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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