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Story: Kompetenz durch Preise? | Tobias Kolumne
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Kompetenz durch Preise? | Tobias Kolumne
Kompetenz durch Preise - oder: Wie man mit Rabatten Marken ruiniert

Billiger ist besser. Oder?
Im Wein-Onlinehandel scheint eine ebenso unausrottbare wie absurde Faustregel zu gelten: Wer den niedrigsten Preis hat, muss zwangsläufig der Beste sein. Kompetenz wird hier nicht mehr über Erfahrung, Sortimentsqualität oder Beratung definiert, sondern schlicht über ein paar Cent weniger. Château XY 2019 - nur 42,90 €, statt 73,00 € - heute für Sie! Und das Beste daran? Das Gleiche gibt’s nächste Woche nochmal. Vielleicht sogar noch billiger. Willkommen im Wein-Internet, wo Dumping der neue Sommelier ist.



Die Hard-Discount-Strategie: Rabatte bis zum Kollaps
Was als raffinierte Verkaufsstrategie begann, ist längst zur Karikatur verkommen. Die permanente Rabattschlacht im Onlinehandel erinnert mehr an einen Black-Friday-Endzeitfilm als an den seriösen Verkauf hochwertiger Weine. Jahr für Jahr werden die Preise tiefer, die Margen schmaler, die Marketing-Mails penetranter. Das Problem: Diese Strategie geht längst nicht mehr auf. Kunden sind abgestumpft, Produzenten zunehmend entnervt - und die Onlineshops selbst? Rutschen in einen Preiskampf, der ihnen nach und nach den Boden unter den Füßen wegzieht.



Das verrückte Geschäft mit Icon-Weinen
Besonders skurril wird es, wenn plötzlich sogenannte „Icon-Weine“ - Flaschen mit Weltruf, mikroskopischer Verfügbarkeit und kultigem Status - zu Preisen verscherbelt werden, bei denen sogar der Winzer selbst zweimal hinschaut. Sassicaia, Solaia, Monfortino, Masseto - alles muss raus! Am besten noch mit Gratisversand und einem Set Flaschenöffner dazu. Man fragt sich unweigerlich: Für wen ist dieses Angebot gedacht? Die Zielgruppe für solche Weine ist winzig - und genau nicht die, die mit 40% Rabatt zum Kauf überredet werden muss. Es ist, als würde man Trüffel im Discounter-Bulk verkaufen: falsch adressiert und komplett absurd.



Markenpflege à la Preisschleuder
Was bei alledem völlig untergeht: Die jahrzehntelange Arbeit, die viele Weingüter in den Aufbau ihrer Marke gesteckt haben. Image, Renommee, Preisstabilität - alles wird in Sekundenschnelle zerschossen, wenn der Händler um jeden Preis (Wortspiel nicht beabsichtigt - oder doch?) der Günstigste sein will. Diese Form von 'Kompetenz durch Preise' untergräbt nicht nur das Vertrauen der Kunden, sondern auch die Glaubwürdigkeit ganzer Regionen und Produzenten. Vom edlen Wein zur durchgereichten Bückware - das ist die wahre Reise, die viele Top-Gewächse mittlerweile antreten müssen.



Fazit: Kompetenz ist kein Sonderangebot
In einem Markt, der zunehmend auf Lautstärke, Tempo und Preiskampf setzt, geht die wahre Expertise mehr und mehr verloren. Billig heißt nicht klug - und schon gar nicht kompetent. Wenn selbst Grand Crus zum Sonderangebot verkommen, sollte man sich fragen, ob man noch Wein trinkt - oder nur noch auf Preis-Tombolas setzt. Ein Weinhändler, der seinen Wert einzig über Rabatte definiert, ist kein Profi - sondern ein Ausverkauf mit Logo. Und der Unterschied zwischen Kompetenz und Kalkül wird dann schmerzlich deutlich - spätestens, wenn der letzte Produzent die Notbremse zieht. - Tobias Gerhard Strunz [TS04/25]


Kompetenz durch Preise? Tobias Kolumne © www.gerardo.de

Steckbrief
NameKompetenz Durch Preise?
RubrikTobias Kolumne